Nord Sentinelle von Jérôme Ferrari

Eine literarische Auseinandersetzung mit Identität und den Schattenseiten des Massentourismus

Jérôme Ferraris Roman „Nord Sentinelle“ nutzt eine scheinbar banale Gewalttat als Ausgangspunkt für eine tiefgründige Reflexion über das fragile Verhältnis zwischen Einheimischen und Touristen. Im Zentrum steht Alexandre Romani, ein junger korsischer Restaurantbesitzer, der den Pariser Studenten Alban Genevey ersticht. Der vermeintliche Auslöser: Alban brachte seine eigene Weinflasche ins Restaurant und verspottete Alexandre damit. Hinter dieser Banalität verbirgt sich jedoch ein komplexes Geflecht aus Entfremdung, Identitätsverlust und den verheerenden Auswirkungen des modernen Massentourismus.

Nord Sentinelle – Die symbolische Tiefe

Der Titel verweist auf North Sentinel Island im Indischen Ozean, deren Bewohner jeden Kontakt zur Außenwelt vehement ablehnen und Eindringlinge sogar töten. Diese Insel wird zur Metapher für die brüchige Beziehung zwischen Einheimischen und Fremden auf Korsika, einem Ort, der von ähnlichen Spannungen zwischen Bewahrung und Kommerzialisierung geprägt ist.

Ferrari verwebt geschickt die Geschichte des Forschers Richard Francis Burton, der 1855 als erster Europäer die Stadt Harar betrat. Der Autor lässt seinen Erzähler feststellen: „Es ist keine Prophezeiung vonnöten, um zu wissen, dass der erste Reisende stets unzählige Katastrophen nach sich zieht“ – eine düstere Vorahnung, die sich in der korsischen Realität bewahrheitet.

Massentourismus als kultureller Zerstörer

Ein zentrales Thema ist die tiefgreifende Transformation Korsikas durch den Massentourismus seit den 1980er Jahren. Ferrari schildert eindrücklich, wie korsische Familien in einem vermeintlichen Akt des wirtschaftlichen Fortschritts ihr Land verkauften und sich dem Tourismusboom verschrieben.

Dieser wirtschaftliche Aufschwung forderte jedoch einen hohen Preis: Traditionelle soziale Strukturen zerbrachen, während die Einheimischen nur noch eine „Idee authentischen Andersseins“ verkaufen und die Touristen die Insel als bloße Kulisse für ihre konsumorientierten Urlaubsträume missbrauchen.

Gewalt als Echo der Vergangenheit

Die Erzählung um den Banditen Pierre-Marie Romani, der in den 1930er Jahren auf Korsika sein Unwesen trieb, dient als düsterer Spiegel für die Gegenwart. Sie zeigt, wie Gewalt aus Demütigung und einem tiefsitzenden Gefühl der Ohnmacht entsteht. Problematische Männlichkeitsbilder werden über Generationen weitergegeben und perpetuieren einen Kreislauf der Aggression.

Der namenlose Erzähler, der sich als Cousin von Alexandres Mutter und bester Freund von dessen Vater vorstellt, wird selbst zu einer zwiespältigen Figur. Trotz seiner Verurteilung der Gewalt kann er die eigene Frustration und seinen intellektuellen Dünkel kaum verbergen. Seine von Sarkasmus durchzogenen Kommentare lassen den Leser immer wieder an seiner Glaubwürdigkeit zweifeln.

Ferraris Stil und Werkzusammenhang

„Nord Sentinelle“ besticht durch Ferraris charakteristische lange, kunstvoll geflochtene Sätze, die von Christian Ruzicska meisterhaft ins Deutsche übertragen wurden. Der Roman bewegt sich gekonnt zwischen bitterbösen humoristischen Passagen, sarkastischen Beobachtungen und lyrischen Momenten.  Ferraris Erzählweise ist nicht nur sprachlich virtuos, sondern auch strukturell raffiniert. Mit einer gebrochenen Chronologie und wechselnden Perspektiven erschafft er eine narrative Dynamik, die den Leser tief in die Abgründe menschlicher Beziehungen und gesellschaftlicher Konflikte eintauchen lässt.

Als Auftakt einer geplanten Trilogie über die Begegnung mit dem Anderssein knüpft das Werk thematisch an Ferraris früheren Roman „Predigt auf den Untergang Roms“ an, für den er 2012 den Prix Goncourt erhielt. Jérôme Ferrari, der selbst Philosophie auf Korsika unterrichtet, verarbeitet in seinem Werk die prekäre Identität zwischen verschiedenen Welten und bestätigt damit seine Position als einer der bedeutendsten französischen Romanciers der Gegenwart.

Nord Sentinelle

Verlag: https://secession-verlag.com/

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